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Bastians Reise

Was der Held meines Romanes mit Bastian Balthasar Bux zu tun hat

Wenn man eine Geschichte erzählen will, brauchen die Helden meist als allererstes einen Namen. Sind sie benannt, fällt es einem deutlich leichter, ihnen auch noch den Rest ihrer Geschichte zu verpassen. Aber welchen Namen soll man ihnen geben? Einen Namen, der durch seinen Klang bereits Charaktereigenschaften assoziiert? Oder einen, der eine besondere Bedeutung hat, wie die Namen in Joanne K. Rowlings "Harry Potter" zum Beispiel?

 

Pragmatische Gründe

Zuerst einmal ein paar pragmatische Gründe, die zu meiner Entscheidung geführt haben, meinen Protagonisten Bastian zu nennen.

Der Name Sebastian, und damit auch die Kurzform Bastian, ist ein typischer Name aus meiner Kindheit, den Achziger Jahren. Und da Bastian aus "Aussicht auf Fichten" Ende der 1980er-Jahre geboren ist, ist der Name nicht ungewöhnlich.

Zumal er vor allem in Bayern verbreitet und Bastian Langmaier ein Oberfranke ist. Der Name soll also auch eine gewisse Vertrautheit mit der Gegend hervorrufen. Mein Urgroßvater aus Wunsiedel, in dessen Nachbarschaft "Aussicht auf Fichten" spielt, hieß ebenfalls Sebastian.

 

Bastian Balthasar Bux vs. Bastian Langmaier

Das hat jetzt alles recht wenig mit "Die unendlichen Geschichte" von Michael Ende zu tun.

Auf den ersten Blick haben Bastian Balthasar Bux aus "Die unendliche Geschichte" und Bastian Langmaier aus "Aussicht auf Fichten" nicht sehr viel mehr gemeinsam als den Vornamen.

Endes Bastian ist ein schwächlicher, dicker, unsicherer, kleiner Junge. Der Bastian meiner Geschichte wirkt unnahbar, erwachsen, gutaussehend und manchmal ziemlich unfreundlich. Ist es dann Zufall, dass die Figuren gleich heißen? Nein. Ist es nicht.

 

Meine ersten Ausflüge nach Phantásien

Ich muss als erstes anmerken, dass ich "Die unendliche Geschichte" absolut liebe. Den Film habe ich als Kind gesehen und war, wie so viele Mädchen damals total verliebt in Atréju. Er war der große Held, der alles geopfert hat (der Tod seines Pferdes Artax hat mich nachhaltig erschüttert), um seine Welt vor dem Nichts, dem Vergessen, zu bewaren.

Als ich dann später in der Jugend das Buch gelesen habe, war ich neu fasziniert von den Abenteuern, die Atréju und Bastian in Phantásien erlebt haben.

Im Literaturstudium dann habe ich "Die unendliche Geschichte" wiederentdeckt und musste sie auch im Seminar 'Kinder- und Jugendliteratur' lesen. Und ich war absolut begeistert von den Ebenen, die sich mir da noch erschlossen haben, neben der bekannten Abenteuererzählung.

Dieses Buch ist so reich an Genialität, die weit über eine gut erzählte Geschichte hinausgeht. Es würde allerdings ein ganzer Blog nur dazu nötig sein, um all diese Besonderheiten herauszuarbeiten. Daher: Wenn ihr es noch nicht getan habt, lest es und lasst euch faszinieren!

 

Bastian, der Held

Wenn man nur den Film zur "unendlichen Geschichte" kennt, sollte man meinen, dass der eigentliche Held Atréju ist. Aber das stimmt nicht. Im Buch wird es vor allem deutlich durch den zweiten Teil der Geschichte. Bastian ist der Held, der allem einen Namen geben und damit Phantásien erst erschaffen kann. Und doch verliert er sich dort und vergisst am Ende sogar seinen eigenen Namen. Erst als er sich wieder daran erinnert, kann er nach Hause zurückkehren. Der Name Bastian ist also sehr bedeutungsvoll als Name und damit einprägsam, wenn man "Die unendliche Geschichte" liest. Er bleibt ein Teil dieser Faszination, die die Geschichte auslöst. Das hat mich sicher nachhaltig geprägt und Bastian gehört, vielleicht deshalb, zu meinen Lieblingsnamen.

Auch Bastian Langmaier vergisst, wer er ist, wer er ursprünglich war. Seine Rückbesinnung auf sich selbst, die Akzeptanz seiner Selbst ist Teil seines eigenen Heilungsprozesses, seiner Erlösung im literarischen Sinne. Erst als er wieder der wird, der er war, ist er offen für seine eigene Zukunft.

 

Bastian als Tribut an alle Geschichten

Im Kapitel 23 'Die Alte Kaiser Stadt' in Michael Endes "Die unendliche Geschichte" beobachtet Bastian, der von sich zu diesem Zeitpunkt kaum mehr als seinen Namen noch weiß, in der Alte Kaiser Stadt eine Gruppe seltsamer Menschen, die immer wieder unzählige Würfel mit Buchstaben warfen. Auf seine Frage nach der Bedeutung gibt ihm sein Stadtführer, ein Affe mit Doktorhut, Argax, eine Erklärung:


"Das Beliebigkeitsspiel", antwortet Argax. (...) "Sie können nicht mehr erzählen. Sie haben die Sprache verloren. Darum habe ich dieses Spiel für sie ausgedacht. (...) Wenn du einmal nachdenkst, dann mußt du zugeben, daß alle Geschichten der Welt im Grunde nur aus sechsundzwanzig Buchstaben bestehen. Die Buchstaben sind immer die gleichen, bloß ihre Zusammensetzung wechselt. Aus den Buchstaben werden Wörter gebildet, aus den Wörtern Sätze, aus den Sätzen Kapitel und aus den Kapiteln Geschichten. Da schau, was steht dort?"

(Ende 2009, S. 367)

Bastian liest eine unsinnige Aneinanderreihung von Buchstaben vor.


"Ja", kicherte der Argax, "so ist es meistens. Aber wenn man es sehr lang spielt, jahrelang, dann ergeben sich manchmal durch Zufall Wörter. Keine besonders geistreichen Wörter, aber wenigstens Wörter. "Spinatkrampf" zum Beispiel, oder "Bürstenwürste" oder "Kragenlack". Wenn man es aber hundert Jahre, tausend Jahre, hunderttausend Jahre immer weiterspielt, dann muß nach aller Wahrscheinlichkeit dabei durch Zufall auch einmal ein Gedicht herauskommen. Und wenn man es ewig spielt, dann müssen dabei alle Gedichte, alle Geschichten, die überhaupt möglich sind, entstehen, dazu auch alle Geschichten der Geschichten und sogar diese Geschichte, in der wir beide uns gerade unterhalten. Das ist logisch, nicht wahr?"

(Ende 2009, S. 368)


Letztlich ist es, wie Argax sagt. Jede Geschichte besteht aus der Kombination und Aneinanderreihung von 26 Buchstaben. Die Buchstaben enthalten jede nur erdenklichen Geschichte. Wenn man ein Buch anfängt zu schreiben, sitzt man, sofern man es am PC oder der Schreibmaschine macht, vor der Tastatur.

Sie birgt alle Möglichkeiten in sich. Es liegt an einem selbst, was man daraus macht. Diesen Gedanken hatte ich, bevor ich meine ersten Sätze getippt habe. Mir kam diese Szene aus "Die unendliche Geschichte" in den Sinn und damit auch Bastian. So fand ich es nur richtig und wichtig, den Protagonisten in meinem ersten Roman Bastian zu nennen. Als Hommage an alle, die die Aneinanderreihung von Buchstaben mit Leben erfüllten, erfüllen und erfüllen werden. Denn sie nur zu kombinieren, recht nun mal nicht aus. Die, die in "Die unendliche Geschichte" dieses Würfelspiel gemacht haben, kannten nicht mal mehr ihre eigenen Namen. Sie waren geistlose Körper. Sie konnten nur noch so Geschichten finden. Ein Autor würfelt seine Buchstaben jedoch nicht. Er hat einen Grund für jedes einzelne Wort.

 

Last but not least

Zu guter Letzt noch ein wenig pathetischer Grund für die Namenswahl:

Wie sonst hätte die kleine Laura in "Aussicht auf Fichten" ihren Onkel Bastian 'Assi' nennen können ;-)





Auszüge aus:

Ende, Michael (2009): Die unendliche Geschichte. Das Originial mit den Illustrationen von Roswitha Quadflieg. München.


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