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K-Dramen (Koreanische Serien)

Eine besondere Art, Geschichten zu erzählen

Habt ihr auch manchmal das Gefühl, wenn ihr eine Serie oder einen Film anseht, dass euch etwas fehlt? Könnt aber nicht in Worte fassen, was es ist? Also ich hatte das echt oft. In den letzten Jahren sogar besonders. Selten hat mich eine Serie oder ein Film noch richtig abgeholt. Und gerade als meine Beziehung zu Fernsehen und Kino einen emotionalen Tiefpunkt erreicht hat, bin ich auf SIE gestoßen: Koreanische Serien, bekannt als K-Dramen. Und das hat meine Sicht auf das Geschichtenerzählen, das Fernsehen und was für mich gute Geschichten ausmachen, komplett verändert. Sie haben mein Interesse für die koreanische Kultur und Sprache geweckt und mein Streaming- und Social-Media-Verhalten nachhaltig geprägt und beeinflusst.

In diesem Blogbeitrag will ich nur sehr grob beschreiben, was K-Dramen aus meiner Sicht ausmachen. Auf einzelne Punkte will ich dann eventuell in Extrabeiträgen eingehen. Das würde sonst den Rahmen dieses einen Beitrags sprengen. ;-)

 

Der Einstieg

Angefangen hat alles mit der Zeitschrift 'der selfpublisher' vom Juni 2020. In ihrem Artikel "Inspiration durch K-Drama" hat Christina Maria Schollerer eine Saat in mir gelegt, die mit etwas Verzögerung (November 2020) nahezu explosionsartig gewachsen ist. Ich hatte mir die erste Folge von The King: Eternal Monarch auf Netflix gestartet. Schien mir eine gute Idee, schließlich war ein Foto davon mit Schauspieler Lee Min-Ho auf 'der selfpublisher' vorne drauf.

Ich fand es wahnsinnig ... anstrengend. Untertitel lesen, unverständliche kulturelle Insider, ein Fantasyplot, der mich verwirrt hat, usw. Ich bin eingeschlafen. Ich spoilere mal: Ist mir danach nie wieder passiert :-) Nach ein paar Tagen habe ich mich nochmal drangewagt und habe nie wieder aufgehört, diese Serien zu schauen. Ich werde jetzt nicht sagen, wie viele Serien ich in den letzten 2,5 Jahren durchgeschaut habe. Bis auf eine habe ich bisher auch alle bis zum Ende durchgezogen. Gut, manchmal ist mir das auch schwer gefallen. Nicht jeder der Serien war ein Knaller für mich. Durch einige habe ich mich auch quälen müssen, aber die Neugier auf das Schicksal der Hauptfiguren hat mich dann doch immer durchhalten lassen. Und damit komme ich auch gleich zum ersten und für mich wichtigsten Punkt, was die koreanischen Serien ausmacht. Die Figuren.

 

Die Figuren

Die Hauptfiguren der K-Dramen haben eine Tiefe, wie man sie oft in westlichen Serien oder Filmen, vor allem der letzten Jahre, vermisst. Sie binden einen mit ihrem Schicksal, ihren Geheimnissen, ihrer Vergangenheit, ihren Emotionen, Problemen und Freuden so stark, dass es manchmal wirklich schwerfällt, sie nach dem Abschluss einer Serie aus dem eigenen Kopf gehen zu lassen. Selbst die Bösewichte haben eine Figurentiefe, die so manche Geschichte zusätzlich bereichert hat (z. B. die ehemalige Staatsanwältin und der Firmenchef in Vincenzo). Jeder, der schon Bücher verschlungen hat, weiß, wie es sich anfühlen kann, Abschied aus einer Geschichte nehmen zu müssen. Und womit tröstet man sich dann als eingefleischter K-Dramen-Fan? Na klar. Gleich das nächste anfangen. Die Watchlist ist so endlos lange (und ständig kommt Neues dazu ;-)), dass man schnell fündig wird.

Jeder Autor wünscht sich solch eine Bindung der Leser an seine Geschichte. Die K-Dramen zeigen einem, wie man das schaffen kann.

 

Die Schauspieler

Dass die Figuren so gut funktionieren und in unseren Herzen Platz nehmen, liegt zu einem sehr großen Teil auch an den großartigen Schauspielerinnen und Schauspielern der Serien. Bei uns zulande kaum bekannt, sind das Stars mit einem Bekanntheitsgrad, wie der von Topleuten in Hollywood vergleichbar. Lee Min-Ho (32 Mio. Follower auf Instagram), Kim Soo-Hyun (14,1 Mio.), Park Seo-Joon (23,4 Mio.), Ji Chang-Wook (23,1 Mio.) Park Min-Young (10,7 Mio.), Lim Yoona (14,4 Mio.) sind ein paar der bekanntesten und erfolgreichsten koreanischen SchauspielerInnen.

Neben dem schaupielerischen Können, den Gesangs- und Tanzfähigkeiten (einige singen Soundtrack selbst), die viele zusätzlich haben, sind nahezu alle angenehm zurückhaltend in der Öffentlichkeit. Es gibt wenig Skandale und wenn, dann ist der öffentliche Aufschrei so groß, dass sich das eigentlich keiner leisten will. Auch kleinere Ausrutscher werden nur schwer verziehen. Also ist man vorsichtig und diszipliniert. Das kann man jetzt sehen wie man will, aber ich persönlich finde es zwischendurch mal ganz angenehm, nichts ständig irgendwelche Skandale aufgetischt zu bekommen. Die Schauspieler arbeiten schließlich mit Illusion und die kann durch unangenehme Geschichten auch mal schnell kaputtgehen.

 

Kussszene

Das bringt mich zum nächsten Punkt. Die koreanische Kultur zeichnet sich vor allem durch Traditionsbewusstsein, Höflichkeit, Zurückhaltung und einer ausgeprägten Esskultur aus. Die Zurückhaltung spiegelt sich auch in Liebesszenen wieder. Es muss nicht immer gleich zur Sache gehen. Auch kleine, leise Szenen, wie die Händchenhalteszene in Just Between Lovers kann maximale Gefühle ausdrücken, die selbst bei eingefleischten Romantikfans die Gänsehaut entstehen lassen. Allerdings gibt es in den neueren Produktionen auch immer mehr und explizitere "Sexszenen", wie in A Business Proposal. Doch auch dann wird noch im letzten Moment weggeblendet. Erotikfans kommen bei koreanischen Serien sicherlich nicht auf ihre Kosten.

Da man sich normalerweise nicht in der Öffentlichkeit in Korea küsst, sind die Kussszenen (meist zwischen Episode 8 und 10) ein emotionaler Höhepunkt in den Serien. Auf die läuft alles bis dahin zu. Und doch sind sie nie das Ende der Geschichte, sondern stets NUR ein Wendepunkt. Und das macht sie besonders und wichtig. Die Kussszene ist aus einem K-Drama (sofern es nicht rein Thriller, Horror o. ä. ist) nicht wegzudenken und ist auch stets hervorstechend insziniert.

 

Spannungsbogen

Die Kussszene bildet also bei einem klassischen K-Drama einen emotinalen Höhepunkt. Und einen Wendepunkt. Alles war dahin angelegt. Endlich sind die Figuren zusammen. Oder doch etwa nicht? Nein. Leicht macht es der Drama-Autor seinen Figuren nicht. Die eigentlichen Schwierigkeiten müssen erst noch überwunden werden. Jetzt erst recht. Und so müssen wir noch viele Stunden bis zum Happy-End, wenn es eines gibt, durchhalten.

Die Cliffhanger am Ende einer Folge machen es uns auch nicht leichter. Schrecklich, wenn man nicht Bingewatchen kann und eventuell auf eine wöchentlich erscheinende Folge warten muss ;-)

Der Spannungsbogen eines jeden K-Dramas, unabhängig vom Genre, ist ein sich beständig wandelnder. Ziele, die die Figuren zu Anfang vielleicht noch verfolgt haben, verändern sich. Das Ursprungsproblem wird nach und nach enthüllt und so wird das, was die Figur erst augenscheinlich verfolgt, zu etwas anderem, Größerem, Wichtigerem. Trauma überwinden (Thirty But Seventeen, What's Wrong with Secretary Kim), Grenzen überwinden (Crash Landing On You), Frieden finden mit der Vergangenheit (Just Between Lovers, Move to Heaven), der eigenen Auslöschung entgehen (Extraordinary You, W - Two Worlds Apart).

Um diese Spannungsbögen zu erzeugen, hilft es den Serienautoren sehr dabei, Genregrenzen zu überschreiten.

 

Genrevielfalt

Nicht nur sind alle Genres in den Serien vertreten. Von Horror (Sweet Home, Kingdom, All of Us Are Dead) über Thriller (Beyond Evil, Tunnel, Healer), Justizdrama (Vincenzo, Extraodinary Attorney Woo, Suspicious Partner), Fantasy (My Roommate is a Gumiho, The Legend of the Blue Sea; The King: Eternal Monarch), Historiendrama (The King's Affection, Hwarang), Militärdrama (D. P., Decendants of the Sun) und Liebeskomödie (Hometown Cha-Cha-Cha, She was Pretty) ist wirklich alles dabei. Und das auch noch in sich vermischt.

So ist Tunnel erst ein Krimi und wird dann zum Zeitreisethriller mit starker Liebesgeschichte. Vincenzo hat etwas von Mafiathriller, Justizdrama, Lovestory, Rachethriller und Komödie. Und was z. B. genau Flower of Evil ist, lässt sich echt schwer bestimmt. Thriller, Liebesgeschichte, Psychogramm, Rachethriller. Alles irgendwie. Das Verrückte ist, es funktioniert perfekt. Genremix ist ganz normal bei K-Dramen und macht einen sehr großen Teil des Reizes aus.

Auch schwierige Themen werden ohne Berührungsängste in beinahe jedes Drama eingebaut. Mobbing (Taxi Driver, D. P.), Tod und Verlust (Move to Heaven, If You Wish Upon Me), Trauma (Just Between Lovers, Thirty But Seventeen), psychische Erkrankung (Bad & Crazy, It's Okay to Not Be Okay, It's Okay That's Love) oder Schuld (Hometown Cha-Cha-Cha, True Beauty). Und das wird meistens absolut rührend und behutsam umgesetzt, ohne rührseelig zu werden. Da traut sich das K-Drama durchaus was.

 

Koreanische Kultur

Dieser Spannungsbogen, der zwischen den Genres entsteht, den trägt auch die koreanische Gesellschaft in sich. Zwischen hochentwickelter Moderne und traditioneller Kultur müssen sich nicht nur die Figuren bewegen. Auch der Zuschauer muss sich darauf einlassen, um manche Wendung oder Verhaltensweisen nachvollziehen zu können. Doch das macht es auch reizvoll.

Das Spannungsfeld zwischen Nord- und Südkorea und den gegensätzlichen Entwicklungen des geteilten Landes machen so manches K-Drama aus (Crash Landing on You). Wie passt Mobbing in eine Gesellschaft, deren Sprache sich durch das Hervorheben von Höflichkeitsformen auszeichnet? Und die große, besondere Bedeutung des Essens will mit den überzogenen, unrealistischen Schönheitsansprüchen auch nicht zusammenpassen. K-Pop-Stars für 18 bis 21 Monate als Wehrdienstleistende? Ein buddhistischer Tempel neben einem hochmodernen Hochhaus? Armut und Arbeitslosigkeit inmitten einer hypermodernen Hochleistungsgesellschaft? All das ist Korea. Und es ist hochspannender Teil in den Serien und schwingt immer mit, wie zum Beispiel bei Squid Game.

 

Chaebol-Zauber

Könige gibt es heutzutage nicht mehr in Südkorea. Um uns in die Welt der Monarchie mitzunehmen, werden wir aber mit unzähligen historischen Dramen versorgt. Komödie, Tragödie, Fantasy, Thriller, Horror usw. Alles, was man möchte.

Aber wie kriegt man nun den beliebten Cinderella-Plot in unsere Zeit, in das heutige Korea? Mit den Chaebols. Familiengeführte Firmenimperien. Unnahbar, unglaublich mächtig, traditionsbesessen, intrigant, unfassbar reich. Und mit einem innerlich zerissenen Erben, der von einem 'normalen' Mädchen gerettet werden muss. Über diese koreanische Version des Cinderella-Plots hat auch Christina Maria Schollerer in ihrem Artikel "Inspiration durch K-Drama" (Zeitschrift 'der selfpublisher' vom Juni 2020) geschrieben und ich muss zugeben, auch ich bin direkt diesem klassischen Märchenplot total verfallen. Gefühlt jedes dritte Drama auf meiner Liste der beendeten Serien hat dieses Element in sich. Natürlich in Variationen, unterschiedlicher Genres, manchmal mehr, manchmal weniger relevant. Mal ist der Chaebol weiblich (Crash Landing on You), mal verliert er seine Erinnerung und beinahe sein Erbe (Shopping King Louis), muss er erst zu seinem Recht gebracht werden (Cinderella and the Four Knights) oder ist ein Arschloch, das durch die Liebe erst zu sich selbst findet (The Heirs). Gerne kann man den Chaebol auch durch einen Star eintauschen (So I Married an Anti-Fan, Sh**ting Stars). Wie auch immer. Der Plot funktioniert eigentlich immer. Zumindest bei mir ;-)

 

Was macht also den Reiz aus, koreanische Dramaserien anzuschauen? Alles zusammen! Die Mischung macht's. Das Gesamtbild (Musik, Schauspieler, Geschichte, Figuren, Bilder) können miteinander einen Sog entwickeln, dem man sich nur schwer entziehen kann.

Einige ältere Dramen sind in ihrer Machart etwas altmodisch oder kommen etwas hölzern rüber, mit manchmal befremdlichen Verhaltensweisen gegenüber Frauen. Aber die neueren (so ab 2018) sind größtenteils Hochglanzproduktionen, die sich glücklicherweise auch immer stärker eines moderneren Frauenbildes bedienen und kontroverse, gesellschaftliche Themen aufnehmen.

Genremix, Plottwists, unterschiedliche Erzählebenen und Figurentiefe werden in (meistens) abgeschlossenen Geschichten präsentiert. Seit neuestem gibt es den Trend der Staffelfortsetzungen, was ich eigentlich schade finde. Gerade die in sich abgeschlossenen, auserzählten Geschichten machen für mich einen großen Teil des Reizes aus. Aber es gibt so viel Auswahl, dass man sich darauf auch nicht unbedingt einlassen muss. Mal sehen, wo der Trend hinführt. Hoffentlich nicht in eine Sackgasse.


Diese Leidenschaft wollte ich gerne mit euch teilen. Wie die Serien und deren Art, Geschichten zu erzählen, mein einiges Schreiben beeinflusst, werde ich in einem späteren Beitrag beschreiben.

Wenn ich jemanden neugierig gemacht haben sollte, freut mich das! Kämpft euch durch die ersten Folgen! Spätestens ab Folge 4 werdet ihr nicht mehr aufhören können. Und wem die Untertitel zu anstrengend sind, kann auch auf einige synchronisierte Serien auf Netflix zugreifen. Für mich geht da aber ein ganz großer Reiz, den der großartigen koreanischen Sprache verloren. Aber jeder wie er mag. Bei K-Dramen ist für jeden was dabei.




Zu sehen sind K-Dramen auf verschiedenen Streamingdiensten wie z. B. Netflix oder Viki. Auch Disney+ steigt langsam ein und hat schon eine Handvoll Dramen auf der Plattform. Wer Tipps zum Einstieg oder Dramenempfehlungen will (für alle Lebenslagen), kann sich gerne an mich wenden ;-)



51 Ansichten1 Kommentar

1 Comment


Willy Duebel
Willy Duebel
Apr 10

Schönen guten Tag Melanie.


Schon erstaunlich: Erst wenige Wochen ist es her, dass meine Frau und ich, frustriert von der Schwemme an überwiegend flachen und oberflächlichen TV-Serien und Filmen, damit begonnen haben, K-Dramen konsumieren. Mit wachsender Begeisterung, wie ich anfügen möchte.

Zufällig stoße ich nun auf ihren Beitrag und kann zu jedem Wort, zu jeder Analyse, nur beifällig nicken. Besser lässt sich wohl auch kaum zusammenfassen, wohin sich die westliche Unterhaltungsindustrie in den letzten Jahren bewegt hat.

In diesen Zeiten sollte man K-Dramen, aber auch manch andere Produktion aus dem asiatischen Raum, nicht nur als Geschenk sehen, sondern vielleicht auch als Möglichkeit dem weitgehendst sinnbefreiten Medienangebot des angeblich werteorientierten Westens zu entfliehen. Ich möchte hier nicht zu euphorisch klingen, aber…


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